Das hier ist kein Text mit Quellen und Belegen sondern ein Meinungsstück - ein Kommentar (hab ja schließlich Journalismus studiert). Ich möchte damit zum Nachdenken und Diskutieren anregen und manchen den Druck nehmen. Meine Meinung mit Begründung.
Selber kochen: die einfache Lösung?
Wir müssen einfach wieder kochen.
Könnte das die Lösung für unsere gesundheitlichen und ökologischen Probleme sein. Es klingt logisch: weniger Fertigprodukte, mehr Kontrolle über die Zutaten, mehr Gemüse, Bio und so lecker und befriedigend. Gesund eben. Und einfach.
Für mich klingt das zu schön, um wahr zu ein und ich habe Fragen.
Versteht mich nicht falsch. Ich habe nichts gegen Kochen. Ich mache das selbst, manchmal sogar gern. Was mich stört ist, dass aus einer Möglichkeit sich gesund zu ernähren, einfach ein Ziel gemacht wird.
Was heißt denn “einfach”? Und wer ist “wir”? Und ist eine Mahlzeit gesund, weil sie selbst gekocht wurde? …Tütensuppe, anyone? Kann ich mich auch gesund ernähren, wenn ich nicht koche?

Wieder?
Gab es mal eine Zeit, in der wir alle selbst gekocht haben? Das müssten ja goldene Zeiten gewesen sein. Zumindest für die Frauen - die Männer kochten ja eher seltener selbst.
Gute Ernährung ist…
Ich fange vorne an. Was würdet ihr sagen? Ist eine Mahlzeit gut, weil sie selbst gekocht wurde?
Oder weil sie:
den Energiebedarf deckt,
zur gesundheitlichen Situation passt,
lecker schmeckt und gerne gegessen wird,
bezahlbar ist,
im Alltag funktioniert,
und deshalb langfristig einen Einfluss auf die Ernährung haben kann?
Was heißt eigentlich selbst kochen? Zählt ein Brot mit Hummus und geschnittener Tomate als gekocht? Oder muss das Brot selbst aus Sauerteig gekocht (gebacken?) sein, vielleicht wenigstens der Hummus selber gemacht und die Tomate aus dem eigenen Garten kommen?
Was ist mit denn mit Tiefkühlgemüse in der Mikrowelle und eine fertige Sauce dazu?
Einen Joghurt mit zuckerfreiem Himbeersirup süßen?
Eine ausgewogene Fertigmahlzeit?
Essen in der Betriebskantine?
Ich stelle mir ja die Menschen, die sagen man müsse wieder mehr selbst kochen immer so vor: sie machen alles “from scratch” und kennen mindestens fünf alte Auberginensorten. Auf jeden Fall verwenden sie in meiner Vorstellung niemals Zusatzstoffe zum kochen.
Klischee - ich weiß. Übrigens genauso wie Menschen, die nicht kochen, faul, disziplinlos und übergewichtig sind.
Und hier ist der Denkfehler. Hier wird die Art der Zubereitung mit dem Ergebnis verwechselt. Selbst kochen kann selbstverständlich gesund sein - oder eben nicht. Fertigsachen können ungesund sein - oder super passen. Entscheidend ist nicht wer die Zwiebel geschnibbelt hat oder wie viele Auberginen im Gericht sind, sondern was regelmäßig auf dem Teller landet.
Wissen und Disziplin
Am Anfang meiner Arbeit als Ernährungsberater dachte ich immer die Menschen wissen nicht, was gesunde Ernährung ist. Wenn man es ihnen nur logisch erklären würde, dann würden sie es kapieren und sich fortan gesünder ernähren. (Ich sei natürlich der Berater, den die Welt gebraucht hat und ich könne das besser erklären als alle anderen vor mir.) Ich habe sogar einen Video-Kurs dazu gemacht. Ganze acht Stunden lang … gekauft hat ihn fast niemand.
Denn die meisten Menschen haben nicht zum ersten Mal gehört, dass Gemüse eine gute Idee ist und Wasser weniger Energie hat als Cola. Noch eine Liste mit Lebensmitteln und ein Kochbuch löst ihre Probleme nicht.
Viele haben schon fünf, zehn oder zwanzig Dinge probiert. Sie wissen, was sie theoretisch verändern müssten. Sie tun es aber nicht.
Was verhindert also, dass das vorhandene Wissen im Alltag funktioniert?
Das Leben.
Alltag
Es gibt Gründe, warum wir heute nicht alle Mahlzeiten selbst kochen. Hunderte.
Acht stunden Arbeit. Schichtdienst. Angehörige pflegen. (bzw. Gepflegter sein). Chronische Krankheit haben.
Pendeln.
Kinder.
Alleinerziehend.
Einkaufen.
Planen.
Kochen können.
Eine Küche haben.
Entscheiden, was gekocht wird.
Aufräumen. Spülen.
….
Und jeden Tag von vorne.
Das trifft natürlich nicht alles auf jeden zu. Aber jeder hat eine Kombination aus Zeit, Geld, Gesundheit, Fähigkeiten, Vorlieben und Verpflichtungen.
Die sicher gut gemeinte oder schon etwas verzweifelt klingende Empfehlung “Kochen”, die diese Variablen ignoriert, ist in der Theorie perfekt aber für den konkreten Menschen völlig unbrauchbar.
Wir leben in einer arbeitsteiligen, kapitalistischen, hoch spezialisierten Gesellschaft. Deren ganzes Prinzip besteht darin, dass wir eben nicht mehr alles selbst machen. Wir haben Jahrhunderte daran gearbeitet, dass nicht mehr jeder sein eigener Selbstversorger sein muss.
Unsere Gesellschaft hat einen Teil der Lebensmittelherstellung und -zubereitung ausgelagert an Kantinen, Mensen, die Schulverpflegung, Bäckereien, die Gastronomie, die böse Lebensmittelindustrie und Lieferdienste.
Warum sollte ausgerechnet beim Essen das Auslagern von Arbeit plötzlich als persönliches Versagen gelten?
Das ist nicht Versagen, sondern Absicht. Nur so funktioniert unsere Gesellschaft heute. Sehr anschaulich und unterhaltsam in diesem Video dargestellt.
Ihr könnt euch auch gerne eine andere Gesellschaft wünschen. Aber das regeln wir nicht übers Kochen. Wenn ihr wollt, dass alle selber kochen, braucht es andere Rahmenbedingungen.
Deine Lösung ist nicht DIE Lösung
Du kochst jeden Tag frisch? Großartig.
Du kennst zig Auberginensorten, fermentierst dein Gemüse und freust dich samstags auf den Wochenmarkt? (Unserer ist Freitagvormittag. Wer hat da Zeit?)
Das ist schön. Mir macht das auch Spaß. Ich bin jemand der gerne kocht.
Aber dass etwas für uns funktioniert, ist noch kein Beweis dafür, dass es die Lösung für die Allgemeinheit ist.
Das Problem ist nicht die Lösung Kochen. Das Problem ist, wenn ihr aus “Das funktioniert für mich”, “So funktioniert gesunde Ernährung” macht. Und denen, die euren Kochansprüchen nicht genügen, mangelnde Disziplin, Motivation und Willenskraft - meist implizit - unterstellt.
Beispiel
So schnell kann aus einer unpassenden Empfehlung ein vermeintlich persönliches scheitern werden.
Eine Person mit Adipositas, vielleicht sogar nach bariatrischer Operation hat weiter Lust auf Süßes. Sie findet eine pragmatische Strategie: sie mischt Naturjoghurt mit einem Süßstoff und Geschmack, weil es eine passende Alternative ist und so die Energie reduziert werden kann.
Ein gut gemeinter Ratschlag ist nicht weit: “Wie kann man nur Süßstoffe und Zusatzstoffe essen? Pürier dir doch schnell Bio-Himbeeren mach noch Kokosraspel drüber. Ballaststoffe…”
Ernährungsphysiologisch können wir jetzt darüber diskutieren, ob es noch eine bessere Lösung gäbe. Natürlich gibt es die. Es gibt fast immer eine theoretisch bessere Lösung.
Nur muss die auch gemacht werden.
Vielleicht macht die Person das zweimal und dann nicht mehr. Dann lautet die Interpretation nicht mehr: die Intervention war im Alltag zu aufwendig. Sondern: “Ich habe es wieder nicht geschafft.”
Und so wird aus einer schlecht passenden, wahrscheinlich erst mal gut gemeinten Intervention ein persönliches Versagen.
Bitte….
Vielleicht ist der Mensch nicht das Problem, sonder ihr versucht einen Quader durch ein rundes Loch zu pressen.
Liebe Ernährungsberater*innen, Coaches, Therapeut*innen, Köch*innen und Influencer*innen,
ihr habt vielleicht eine Methode gefunden, die großartig funktioniert. Bitte erzählt davon. Begeistert Menschen dafür. Bringt ihnen Kochen bei, wenn sie kochen lernen möchten.
Aber verwechselt eure Lieblingsmethode nicht mit dem Ziel.
Selber Kochen ist eine Möglichkeit, eine Methode.
Genauso wie Fertigprodukte, Kantine, Tiefkühlprodukte, Brotzeit, Meal Prep und und und eine Möglichkeit sind.
Die professionelle Leistung besteht darin, herauszufinden, welcher Weg für diesen einen konkreten Menschen funktioniert. Sucht nach den Ressourcen der Menschen. Was machen sie schon, was können sie bereits?
Warum glaubt ihr eigentlich nur ihr seid auf die Lösung gekommen und alle anderen nicht? Warum denkt ihr nur ihr seid diszipliniert?
Legt eure Scheuklappen ab, versucht mal euer Wissen wirklich auf konkrete Situationen anzuwenden und nicht nur den Quader in das runde Loch zu pressen.
Und nun für alle, die auf der anderen Seite der Beratung sitzen.
Keine Sorge
Ihr müsst nicht jeden Tag frisch kochen, um euch gut ernähren zu können.
Ihr kocht gerne: kocht.
Habt ihr eine gut Kantine: nutz sie.
Wenn ihr mehr Gemüse esst, weil ihr es in der Mikrowelle mit Käse überbackt: überbackt.
Wenn eine Fertigmahlzeit im Alltag eure Bedürfnisse stillt: dann darf sie Teil eurer Ernährung sein.
Guten Ernährung muss zu euch passen.
Und wenn ihr zwischen all den Regeln nicht mehr wisst, was ihr tun sollt, traut euch professionelle Unterstützung zu holen. Nicht damit ihr noch mehr Regeln bekommt, sondern damit ihr gemeinsam einen Weg findet, der zu eurem Leben passt.
So einfach ist das …und so komplex.



Hallo Philip,
deine sonstigen "Bits" sind ja schon eher Kompendien und buchreife Nachschlagewerke, schön mal so etwas von dir zu lesen.
Ich bin wirklich gespannt ob du vielleicht so etwas als Zwischenform öfter bringst. Denn ich frage mich, welche Möglichkeiten es da wirklich gibt... Denn ich bin einer der es ebenfalls weiß, aber eben nicht den Alltag darum bauen konnte, mal Mental, mal aus Berufsgründen.
Ach und äh... kannst du das mit den Auberginen bitte mal erklären? Das ist Fake oder? Ich dachte es gibt einfach Auberginen... Aber es scheint wie bei Äpfeln zu sein ja?
Ich bin da absolut bei dir! Das Problem ist in den seltensten Fällen fehlendes Wissen, sondern ein Alltag, der nicht zur vorgegeben Lösung passt.
In meiner Beratung für Familien ist für mich deshalb einer der ersten Schritte das Kennenlernen und Verstehen des Alltags: Wie lebt die Familie, wie viel Zeit hat sie für Mahlzeiten, wie sieht ihre Tagesstruktur aus? Und erst, wenn ich das weiß, kann ich im nächsten Schritt mit der Familie schauen, wie das Thema Ernährung angegangen werden kann.
Eine Einschränkung würde ich zu deinem Artikel gerne machen: Im besten Fall sollte die betreffende Person bei der Verwendung von Fertiggerichten zumindest ein wenig auf die Zutatenliste schauen.