Muss ich Angst vor Gift in Gewürzen haben?
Nein! Das Bild unten macht deutlich warum. foodwatch sieht das anders.
Gestern Abend habe ich eine Mail von foodwatch bekommen : In getesteten Gewürzen, Tees und Reisprodukten aus europäischen Supermärkten wurden Rückstände teils nicht EU-zugelassener Pestizide gefunden. Besonders Schlagzeilen wie „217-fach über dem Grenzwert“ oder „22 Pestizide in einer Gewürzmischung“ erzeugten bei mir den Eindruck eines akuten Gesundheitsrisikos.1
Blöd, dass ich erst letztens mich über Bio-Produkte und die Sicherheit konventioneller Lebensmittel ausgelassen habe. Auch das hat Druck erzeugt. Habe ich mich geirrt?
Doch wie beunruhigend sind die Daten wirklich?
Was wurde gefunden?
foodwatch ließ 64 Produkte auf rund 736 Pestizide untersuchen. In 49 Proben wurden Rückstände gefunden, in 14 Fällen lagen einzelne Werte über gesetzlichen Höchstgehalten. Besonders betroffen waren Paprikapulver, Chili, Kreuzkümmel und grüner Tee.2
Ein Beispiel:
In einem Paprikapulver wurden 1,89 mg/kg Flonicamid gefunden. Das liegt über dem gesetzlichen Grenzwert (MRL) von 0,3 mg/kg.
Das klingt dramatisch. Um die Bedeutung zu verstehen, muss man aber drei unterschiedliche Grenzwerte kennen.
Zwei wichtige Begriffe erklärt
1. MRL – Maximum Residue Level
Der MRL ist der gesetzliche Höchstgehalt für Rückstände in Lebensmitteln.
Er dient vor allem:
der Marktüberwachung,
der Kontrolle landwirtschaftlicher Praxis,
dem Verbraucherschutz.
Wichtig:
Der MRL ist nicht automatisch eine Gesundheitsgrenze.
Ein Lebensmittel kann den MRL überschreiten und trotzdem weit unter toxikologisch (giftig) bedenklichen Mengen liegen.
Für Paprika bedeutet das:
gefunden: 1,89 mg/kg
erlaubt: 0,3 mg/kg
Das Produkt wäre regulatorisch auffällig bzw. vermutlich nicht verkehrsfähig (darf man nicht verkaufen).
2. ARfD – Acute Reference Dose
Die ARfD beschreibt die Menge eines Stoffes, die innerhalb eines Tages aufgenommen werden kann, ohne dass nach aktuellem Wissen akute gesundheitliche Schäden zu erwarten sind.
Für Flonicamid liegt die ARfD bei:
0,025 mg pro kg Körpergewicht.3
Für einen Erwachsenen mit 70 kg wären das:
1,75 mg Flonicamid pro Tag.
Wie viel Paprikapulver aus dem Test müsste man dafür essen?
Bei 1,89 mg/kg Rückstand:
rund 900 g bis 1 kg Paprikapulver an einem Tag.
Zum Vergleich:
Eine normale Portion enthält meist:
1–2 g Paprikapulver.

Das bedeutet:
Die reale akute Aufnahme im Alltag liegt typischerweise weit unter der konservativen (die ARfD enthält bereits große Sicherheitsfaktoren) akuten Referenzdosis. Das heißt nicht „1 kg ist sicher“, sondern erst bei 1 kg ist mit einem negativen gesundheitlichen Effekt zu rechnen.
Ein toxischer Effekt im Alltag ist sehr unwahrscheinlich.
Warum wirken die Schlagzeilen trotzdem so alarmierend?
foodwatch ist keine wissenschaftliche Fachgesellschaft, sondern eine verbraucherpolitische NGO mit kampagnenorientierter Kommunikation. Die Organisation arbeitet bewusst mit:
emotionaler Zuspitzung,
Lobbykritik,
starken Formulierungen wie „Gift“ oder „verbotene Pestizide“.
Das bedeutet nicht, dass die Daten falsch wären. Die Laboranalytik wirkt auf mich grundsätzlich solide (soweit ich das beurteilen kann(ich nicht Chemiker sondern Ernährungstherapeut)).
Die Kommunikation fokussiert sich jedoch stark auf Aufmerksamkeit und politischen Druck. Damit ihr die Petition unterschreibt.
Ich habe nichts gegen strenge Grenzwerte. Ich will nur, dass ihr wisst, dass ihr keine Angst haben müsst.
Was man aus den Daten sinnvoll mitnehmen kann
Der Bericht zeigt reale Probleme:
Einige importierte Gewürze sind belastet.
Manche Produkte überschreiten gesetzliche Grenzwerte.
Die Qualitätskontrolle scheint teils unzureichend.
Die Menschen in der Erzeugung sind wahrscheinlich stark belastet.
Die Daten zeigen aber deutlich weniger überzeugend:
dass für Verbraucher bei normalem Konsum ein hohes akutes Gesundheitsrisiko besteht.
Eine vernünftige Konsequenz wäre daher:
Marken gelegentlich wechseln (Wahrscheinlichkeit verringern),
auffällige Produkte meiden,
auf Qualität achten (vielleicht Bio, wenn man mag 😬)
aber keine Angst vor einzelnen Gewürzportionen entwickeln.


