Darum spielt Bio für mich keine Rolle
Hauptsache ihr esst mehr Gemüse und Obst.
In meinem letzten Post (hier Link einfügen) hatte ich über die “Dirty Dozen”-Liste gesprochen und das Bio nicht sinnvoll sei. Einige haben sich gefragt, wie ich das gemeint hätte. Generell waren viele, denke ich, irritiert. Ich werde hier erklären, warum ich Bio in der Ernährung unwichtig finde.
In aller Kürze. Ihr wollt mehr dazu lesen? Schreibt gerne einen Kommentar.
Zwei Tomaten
Zwei Tomaten liegen im Supermarkt nebeneinander. Sie sehen gleich aus, schmecken vielleicht sogar gleich. Das einzige, was sie unterscheidet ist ein Bio-Label - und der Preis. Bio-Tomaten sind deutlich teurer als konventionell produzierte.
Die große Frage: welche davon ist gesünder für uns?
An die Antwort kann man aus vielen Blickwinkeln herangehen. Ich werde sie aus meiner Sicht als Ernährungstherapeut beantworten.
Auf was ich nicht eingehe aber aus meiner Sicht sehr relevant ist:
Demeter als “Ober-Bio” und Hokuspokus,
Bio in der Tierhaltung (Stichwort Homöopathie und Tierleid),
gleicher ökologischer Fußabdruck von Bio und konventioneller Landwirtschaft.
Wer mehr wissen will, findet unten ein paar Links.
Exkurs aus der Praxis
„Zu mir ist noch nie jemand gekommen, der ein Ernährungsproblem hatte, weil er die falsche Tomate gekauft hat.“
Patient*innen kommen zu mir und ich beleuchte im sogenannten Assesment, die Gesamtsituation. Das heißt ich nehme sowohl die ärztlichen Diagnosen und Behandlungen auf, sowie den sozialen Hintergrund, die Ernährungsgewohnheiten, Bewegung, Stress und andere Faktoren. Daraus erstelle ich eine oder mehrere Ernährungsdiagnosen, nach der ich meine Intervention, also die eigentliche Behandlung ausrichte.
Einige der Top-Ernährungsdiagnosen in meinem Alltag sind:
übermäßige Kalorienaufnahme,
niedrige Proteinaufnahme,
geringe Aufnahme bestimmter Nährstoffe (Vitamine, Mineralstoffe, ungesättigte Fettsäuren usw.),
übermäßige Aufnahme bestimmter Nährstoffe (oft Fett, aber auch Protein(!), Salz usw.).
Viele dieser Diagnosen lassen sich auf folgendes zurückführen:
zu wenig Gemüse,
zu viel Fleisch und Wurstwaren,
zu wenig Ballaststoffe,
zu viel Fast Food und Süßigkeiten,
Was niemals vorkommt, schlicht weil es keine gesundheitlichen Auswirkungen hat ist „zu wenig Bio“. Es gibt auch keine einzige mir bekannte Richtlinie oder Leitlinie, die erhöhten Konsum von Bio-Produkten empfiehlt.
Die Qualitätsanforderungen in der Ernährungsberatung fordern ausdrücklich evidenzbasierte Aussagen, gesundheitlichen Verbraucherschutz und den Ausschluss von Produktwerbung. Nach diesen Leitlinien behandle ich, weil sonst die Krankenkassen auch nicht bezahlen.
Die Fragen sind also: wird überhaupt genug Gemüse gegessen? Oder: wird zu viel Fleisch, Wurst, Käse gegessen? Bio hin oder her.
Unterschied zwischen Bio und konventioneller Tomate
Tatsächlich kann man an der Tomate selbst schon messen, das biologische Erzeugung einen Unterschied macht.
Bio-Tomaten enthalten in Tests seltener Pestizidrückstände. 80% der Proben haben in der Regel sogar gar keine messbaren Rückstände.
Bio-Tomaten enthalten etwas mehr sekundäre Pflanzenstoffe wie Polyphenole oder Lycopin. Das liegt daran, dass die Bio-Tomate durch weniger Schutzmittel unter etwas mehr „Stress“ wächst und deshalb Abwehrstoffe bildet. Sie produziert quasi ihre eigenen Pestizide.
Aber: der Unterschied ist klein. Beide Tomaten bleiben gesunde Lebensmittel. Der Abstand zwischen Tomate und keiner Tomate ist viel größer als der Abstand zwischen Bio-Tomate und konventioneller Tomate.
Wer statt gar keinem Gemüse regelmäßig Tomaten isst, tut seiner Gesundheit deutlich mehr Gutes als jemand, der selten Gemüse isst, aber nur Bio kauft.
Ich finde es fahrlässig, dass aufgrund vieler überzogener Warnungen vor konventionellem Gemüse, der Eindruck entsteht es sei ungesund. Dem ist nicht so.
Pestizide an der konventionellen Tomate
Die Pestizid-Rückstände, die an konventionelle Tomaten gemessen werden, liegen meist unter den gesetzlichen Grenzwerten. Nur ein kleiner Teil der Proben überschreitet sie.
Wichtig zu wissen ist, dass in Deutschland risikoorientiert gemessen wird. Also da, wo man mit mehr Überschreitungen rechnen muss. Zum Beispiel bei Importware oder wo man in der Vergangenheit erhöhte Werte gefunden hat. Das heißt die prozentuale Häufigkeit der Funde ist eher zu hoch. Würde man durchschnittlich messen, würde es weniger positive Funde geben.
Dabei werden so bei ca. 46% aller Proben Pestizidrückstände gefunden. 1% liegen über den Grenzwerten.
Werden Grenzwerte überschritten, heißt das nicht automatisch, dass das gesundheitliche Nachteile hat. Entscheiden ist die Menge, die man über die Jahre an Pestiziden aufnimmt. Einmaliges essen belasteter Lebensmittel ist nicht gefährlich.
Die Grenzwerte werden basierend auf Tierversuchen festgelegt. Dabei wird die Dosis, die Effekte bei den Versuchstieren ausgelöst hat meist mit dem Faktor 100 multipliziert. Das heißt unsere Grenzwerte sind 100 mal strenger als dass wir Effekte erwarten können - bei Tieren.
Ich möchte hier auch erwähnen, dass auch in der Bio-Landwirtschaft Pestizide eingesetzt werden. Sie gelten als “natürlich” sind aber genauso giftig für uns. Bestes Beispiel ist Kupfer bei Äpfeln, das sich im Boden anreichert. Zur Erinnerung Kupfer ist ein Schwermetall.
Unwissen über Pestizide
Niemand weiß bisher wie sich die Ansammlung verschiedener kleiner Rückstände über Jahrzehnte auswirken. Deshalb finde ich an dieser Stelle die Sorgen nachvollziehbar aber keinen Grund zur Panik.
Die Forschung zeigt bisher nicht, dass Menschen durch konventionelles Gemüse krank werden oder ein verkürztes Leben haben. Sie zeigt aber auch nicht sicher, dass viele kleine Rückstände auf Dauer völlig bedeutungslos sind.
Gerade hier ist mehr Forschung vonnöten.
Die eigentliche Ernährungsfrage
Während wir über das Biosiegel auf der Tomate diskutieren, essen viele Menschen insgesamt zu wenig Gemüse und ernähren sich insgesamt ungesund. Fakt ist: in Deutschland essen die meisten Menschen:
zu wenig Gemüse,
zu viel Fleisch und Wurst,
zu wenig Ballaststoffe,
dafür viel gesättigtes Fett, Salz und Zucker.
Das sind die Ursachen vieler Gesundheitsprobleme, die ich jeden Tag sehe. Zugespitzt formuliert:
Viel wichtiger als die Frage, ob die Tomate bio ist, ist zu einer Bratwurst oder zu einem Teller Linseneintopf gegessen wird.
Ein Gedanke zu Umwelt und Ernährung
Die gesündeste Ernährung wird uns wenig bringen, wenn unsere Gesundheit durch eine kaputte Umwelt gefährdet wird. Deshalb finde ich umweltfreundliche Ernährung genauso wichtig wie gesunde Ernährung. Wir können das nicht getrennt betrachten.
Das gute ist: wir können gesund essen und die Umwelt schonen. Das zeigt zm Beispiel die EAT-Lancet-Kommission mit der Planetary Health Diet (Link führt zur AOK).
Bio wird uns dabei allerdings nicht helfen.
Die großen Probleme im Ernährungssystem
Die Probleme kurz runter gebrochen:
zu viel Fleisch,
zu viel Fläche für Tierfutter,
dadurch hohe Emissionen und Wasserverbrauch,
Artenverlust.
Schon an dieser Auflistung sehen wir, das wir mit Bio wenig Einfluss haben. Wie beim Essen gilt: eine Bio-Bratwurst bleibt eine Bratwurst. Für Klima und Gesundheit ist die Tomate wichtiger als das Biosiegel auf Fleisch oder Bratwurst.
Wer weniger Fleisch isst und dafür mehr Gemüse und Obst der hilft der Umwelt und seiner Gesundheit.
Zusammengefasst
Wir brauchen gesundes Essen, das uns nicht krank macht. Seit Jahren wird wissenschaftlich untersucht, wie eine gesunde Ernährung aussehen kann. Wenn wir feststellen, dass Pestizide, wie wir sie heute einsetzen dafür verantwortlich sind, dass wir krank werden, dann brauchen wir strengere Grenzwerte und Kontrollen. Und zwar für alle. Es hilft nicht, wenn wir stattdessen alle teure Bio-Tomaten kaufen. Jeder Mensch hat das recht auf eine gesunde Ernährung.
Was uns nicht hilft sind die, die uns Angst machen wollen vor “Chemie” oder konventionell erzeugtem Essen, wie die “Dirty-Dozen”-Liste.
Bio ist eine Produktionsweise keine Qualitätsmerkmal. Die Labels auf der Verpackung sollen uns zum Kauf bewegen.
Links zum tiefer eintauchen
Anthroblogger: zum Thema Demeter → Achtung! Rabbit hole
Demeter auf YouTube: 2 Bored Guys, “Die absoluten Schwurbler von Demeter” → mega witzig
YouTube: Kurz Gesagt, “Ist Bio wirklich besser?”
Quellen
Jiang Y et al. “Organic Food Consumption and Human Health
Bundesinstitut für Risikobewertung zu Glyphosat



Es fällt manchmal schwer, eine feste Meinung zu verändern. Ich war und bin) von biologischem Landbau überzeugt - auch wegen der angeblichen Pestizid-Belastung. Dank deines Textes denke ich darüber diesen Punkt nun differenzierter.
Bei all der Diskussion, die man meiner Meinung nach über nachhaltigen Konsum zu Recht führen muss, sollte man seinen eigenen Körper nicht vernachlässigen.
Der Artikel wird auf jeden Fall bei mir nachhallen, danke für den Impuls!